Veranstaltungsreihe zu Selbstbestimmung im Zeitalter moderner Reproduktionstechnologien

„Die zarteste Versuchung…“

Reproduktionstechnologien verbreiten und etablieren sich in rasender Geschwindigkeit. Und obwohl sie schon jetzt einflussreich auf gesellschaftliche Vorstellungen und Geschlechterverhältnisse wirken, werden sie in (queer-)feministischen Zusammenhängen bisher wenig diskutiert. In drei Veranstaltungen werden wir deshalb (queer-)feministische Debatten zu Selbstbestimmung und Reproduktionstechnologien betrachten. Wir wagen ein paar Blicke zurück und nach vorn, um frühere und aktuelle Positionen und Diskussionen zu Reproduktionstechnologien, Elternschaft und Familienmodellen auf den Prüfstand zu stellen. Wir wünschen uns dafür lebhafte Auseinandersetzungen in einer fehlerfreundlichen Atmosphäre.

Die Veranstaltungsreihe versteht sich als Mobilisierung gegen den „Marsch für das Leben“ am 19. September in Berlin.

Alle Veranstaltungen finden in Deutsch statt. Die Räume sind rollstuhlzugänglich und barrierearm.

Die Veranstaltungen im Einzelnen:

„…immer noch nicht selbstbestimmt?!“

Selbstbestimmung in feministischen Theorien und Praxen

Do, 16. Juli, 19 Uhr / Biergarten Jockel
(Ratiborstr. 14c, Berlin-Kreuzberg)

In vielen politischen Kämpfen spielt die Forderung nach Selbstbestimmung eine große Rolle. Wird ein Recht auf Abtreibung gefordert, geht es um das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper. Wird für ein Ende sexueller Gewalt gekämpft, geht es um sexuelle Selbstbestimmung. Die Legalisierung von Sexarbeit soll selbstbestimmte Arbeitsbedingungen ermöglichen. Und die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten auch. Wenn Menschen für eine Legalisierung von Sterbehilfe eintreten, so fordern sie selbstbestimmtes Sterben.
Nicht alle hier genannten Positionen halten wir für sinnvoll oder gar emanzipatorisch. Ein Begriff wie Selbstbestimmung kann mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen gefüllt werden. Das hat auch Folgen für feministische Kämpfe: Die Forderung nach Selbstbestimmung taugt nur bedingt und unter bestimmten Voraussetzungen. Welche diese sind, wollen wir auf der Veranstaltung diskutieren. Dazu haben wir Vertreter_innen aus unterschiedlichen feministischen Kämpfen und Debatten eingeladen, in denen Selbstbestimmung eine Rolle spielt.

mit: Andrea Truman (Autorin der Einführung in Feministische Theorie in der theorie.org-Reihe), Friederike Strack (Hydra e.V.), N.N. (Pro-Choice-Aktivist_in)

Facebook-Event

„Das Kreuz mit der Norm“

Geschichte der Auseinandersetzung um Reproduktionstechnologien
Buchvorstellung und Diskussion

Do, 27. August, 19 Uhr / k-fetisch
(Wildenbruchstr. 86, Berlin-Neukölln)

Unter Reproduktionstechnologien versteht man medizinisch assistierte Zu- und Eingriffe in Fortpflanzungsprozesse. Darunter fallen z.B. künstliche Befruchtung oder social freezing, um zu einem vermeintlich ’selbst bestimmten‘ Zeitpunkt schwanger zu werden. Reproduktionstechnologien werden zugleich für direkte Einflussnahmen auf das ‚Genmaterial‘ und die ‚Ausstattung‘ des Embryos bzw. Fötus genutzt, wie etwa bei der Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID). In der Veranstaltung wollen wir am Beispiel der Pränataldiagnostik (PND) die Entstehung moderner Reproduktionstechnologien nachzeichnen und einen Blick auf frühere und aktuelle Auseinandersetzungen werfen: Welche Kritik hatten die Zweite Frauenbewegung und die Behindertenbewegung an Reproduktionstechnologien? Wie ist es aktuell um eine kritische (queer-)feministische Perspektive gestellt? Und wie lassen sich Veränderungen der Inanspruchnahme und Bezugnahme auf Reproduktionstechnologien erklären?

Kirsten Achtelik wird im Gespräch mit Rebecca Maskos ihr aktuelles Buch „Selbstbestimmte Norm“ präsentieren und zur Diskussion stellen.

„Abtreiben, einfrieren, durchscannen.“

(Queer-)Feministische Positionen zu Reproduktionstechnologien heute

Mo, 14. September, 19:30 Uhr / Aile Bahçesi
(Hinterhof Oranienstr. 34, Berlin-Kreuzberg)

Reproduktionstechnologien bieten verschiedene Möglichkeiten, Fortpflanzung nicht mehr als „naturgegebenen“ Ablauf zu verstehen, sondern entbinden den Kinderwunsch von heterosexuell gedachten Praktiken. Andererseits werden sie sehr oft als selektive Verfahren genutzt, um „unerwünschten“ Nachwuchs auszusortieren. Solche Technologien sind nie losgelöst von gesellschaftlichen Vorstellungen. Allen Praktiken ist gemein, dass sie auf die ein oder andere Weise mit der Selbstbestimmung der Frau* über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben gerechtfertigt werden.
Auf der Veranstaltung wollen wir uns damit auseinandersetzen, ob und wen ja wie der Begriff der Selbstbestimmung in Bezug auf Reproduktionstechnologien kritisch betrachtet werden kann, ohne die Entscheidungsfreiheit von Schwangeren auf Abbruch und queere Familienmodelle in Frage zu stellen. Bedeutet Selbstbestimmung im Rahmen von Reproduktionstechnologien zu allererst ein Recht auf biologische Kinder und risikofreier Planungssicherheit, im Sinne eines Selbstmanagements? Welche Möglichkeiten bieten Reprotechnologien für das Entstehen anderer kollektiver Ideen des Zusammenlebens, fern der heterosexuellen Zweierbeziehung?

mit: Susanne Schultz (Gen-ethisches Netzwerk und kitchen politics), Inga Nüthen (ZEFG, FU Berlin), Antje Barten (ak moB, behinderte Aktivistin), Constanze Körner (Regenbogenfamilienzentrum, LSVD Berlin-Brandenburg)